WIE FICKEN HUMANISTEN?

Die feministische Organisation „Lila in Köln“ hatte eingeladen zu einer Veranstaltung in der Alten Feuerwache. Zu Gast war die Autorin Myrthe Hilkens um ihr Buch „McSex – Die Pornofizierung unserer Gesellschaft“ vorzustellen – ein Titel, der ein sexpositives oder queeres Publikum nicht unbedingt neugierig macht. Die Wahl der Moderation weckte jedoch Hoffnung auf mehr: Mithu M. Sanyal, die das Vorwort zu dem Buch geschrieben hat und als Radiomoderatorin immer wieder tolle sexpositive queer-feministische Beiträge unter den Mainstream schmuggelt, war eingeladen die Autorin vorzustellen und die anschließende Diskussion zu leiten.
Nachdem die Autorin einen kurzen Absatz aus ihrem Buch gelesen hatte, stieg sie in das Gespräch mit dem Publikum ein, indem sie ein wenig über den Recherche-Prozess zu ihrem Buch erzählte.
Die altersmäßige Zusammensetzung des Publikums, war auffallend, auch für die Vortragenden: So wurden die sehr kleine Anzahl der unter-30jährigen im Publikum konkret aufgefordert, mal etwas aus ihrer Lebensrealität preiszugeben, indem sie (anknüpfend an die Beobachtungen der Autorin in den Niederlanden war) gefragt wurden, ob es denn in Deutschland auch Partys mit Schwanzlutsch-Wettbewerben geben würde.
Im weiteren Verlauf erklärte Myrthe Hilkens ihre im Buch formulierten Forderungen, die in ihren Grundüberlegungen, durchaus interessant und wichtig sind:
So vertritt die Autorin die Position, dass den jungen Menschen, vornehmlich jungen Frauen und Mädchen, die sich täglich mit, von ihnen als sexistisch und bedrohlich empfundenen, pornografischen Inhalten konfrontiert sehen, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Sie fordert eine Anerkennung dieser Lebensrealität von Seiten der Politik und damit als gesamtgesellschaftliches Problem. Die Politik müsse dem Bedürfnis dieser jungen Leute nach Schutz vor solchen Bildern und Inhalten durch eine Beschränkung der Verbreitung oder Zugänglichkeit nachkommen.
Ein weiterer wichtiger Punkt den Myrthe Hilkens kritisiert, ist eine fehlende Sexualpädagogik an den Schulen, die den jugendlichen Pornokonsum auffangen könnte. Der doppelmoralische Umgang mit Pornografie, führe dazu, dass es keine Möglichkeit gebe, diese Bilder im Unterricht zu reflektieren, sodass sich die Jugendlichen eine differenzierte Meinung zum Gesehenen bilden könnten und es kritisch auf den „Realitätsgehalt“ in Bezug auf Sexualität und die damit verbundenen präsentierten Anforderungen und Normen reflektieren zu können.
Ob die Autorin Begriffe wie AltPorn, QueerPorn, FeministPorn, PostPorn jemals gehört hat oder sogar etwas über die in diesem Zusammenhang diskutierten Inhalte weiß, blieb im Dunkeln. Zwischendurch wurde zwar „frauenfreundliche Pornografie“ lobend erwähnt, aber was das sein könnte, war definitv nicht Thema der Veranstaltung.
Vielmehr variierten Vortrag und Diskussion zwischen Erziehungsratschlägen an die anwesenden oder vermuteten Mütter und der Präsentation der oben beschriebenen politischen Forderungen. Einen Teil nahm dabei der Erfahrungsaustausch der im Publikum versammelten Frauen ein, die über ihre Beobachtungen im Bereich der feministischen Arbeit, wie Selbstverteidigungs-Kurse berichteten und dort, wie die Autorin bei ihren Interview-Partnerinnen, eine große Unsicherheit in Bezug auf das eigene Selbstwertgefühl, die eigene Sexualität bei den Mädchen beobachten, die gar nicht mehr wüssten, wie „eine schöne und gesunde Sexualität“ aussehen würde.
Diese „schöne und gesunde Sexualität“ zu vermitteln, wurde mit Applaus aus dem Publikum als Punkt auf der feministischen To-Do-Liste akzeptiert.
Nicht akzeptiert wurde allerdings die Frage der „Jüngeren“ aus dem Publikum, was das denn seie, diese „schöne und gesunde Sexualität“:
Die Autorin erklärte, ohne weiter auf die Frage einzugehen, die sich auf die doch recht heteronormative Darstellung bezog, dass sie genau diese Diskussion nicht führen wolle. Diese Frage entsprünge genau der liberalen Einstellung, die die Ursache für das pornografische Dilemma in unserer Gesellschaft sei. Weiter: Wenn eine 16-jährige feststellen würde, dass sie auf Bukakke oder SM steht, dann wäre das ja völlig in Ordnung und dann solle sie das auch machen. Aber: für einen Umgang in den Schulen und der Öffentlichkeit müsse man nun mal einen humanistischen Umgang mit Sexualität etablieren. Abschließender Satz: Und eine schöne und gute Sexualität seie, wenn Mann und Frau sich respektieren.
Aha, nun gut, damit war alles gesagt und der Applaus aus dem Publikum verbot weiteres Nachfragen.

Eins von vielen Beispielen dafür, warum der „Dialog mit der Jugend“ im feministischen Spekrum so oft scheitert?
Die Tatsache, dass die Autorin des Buches selbst gerade erst die 30 überschritten hat, legt eher nahe, dass es sich um grundsätzlichere Fragestellungen handelt: die Kommunikations-Grenzen verlaufen hier wohl eher entlang der Fragen liberal oder radikal, sozialdemokratisch oder humanistisch, queer oder eben nicht.
Inwieweit es im Interesse dieses, nach außen hin so homogen scheinenden, feministischen Spektrums sein kann, sich durch eine derart exklusive Diskussionskultur und Rhetorik, um mögliche Koalitionspartner_innen zu bringen, bleibt gerade in Anbetracht der Forderung nach mehr „gesamtgesellschaftlicher“ Aufmerksamkeit unverständlich. Der Ausschluss queerer Lebensrealitäten aus einem feministischen Diskurs ist aber leider eher Pflege einer immer wieder und immer noch kritikwürdigen feministischen Tradition.

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